Nun war er im Begriff, ein Tagebuch anzufangen. Das war nicht illegal (nichts war illegal, da es keine Gesetze gab), aber im Fall der Entdeckung war es ziemlich sicher, dass man dafür mit dem Tod oder wenigstens fünfundzwanzig Jahren Arbeitslager bestraft würde.


Mit diesen Kindern, dachte er, muss die arme Frau ein Leben ständigen Schrecken führen. Noch ein Jahr oder zwei, dann würde sie von ihnen Tag und Nacht auf Anzeichen von Unorthodoxie beobachtet. Heutzutage waren fast alle Kinder furchtbar. Am schlimmsten war, dass Organisationen wie die Spione sie systematisch zu unkontrollierbaren kleinen Wilden machten, was bei ihnen aber keinerlei Hang zur Rebellion gegen die Partei und alles, was damit zusammenhing. Die Lieder, die Aufmärsche, die Fahnen, das Wandern, der Drill mit Holzgewehren, das Brüllen von Slogans, die Anbetung des Großen Bruders - das alles war für sie eine Art großartigen Spiels. Ihre ganze Wildheit wurde nach außen gelenkt, gegen Staatsfeinde, Ausländer, Verräter, Saboteure, Gedankenverbrecher. Es war beinahe normal, dass Leute über dreißig sich vor den eigenen Kindern fürchteten.


«Wir werden uns an dem Ort treffen, an dem es keine Dunkelheit gibt.»


Unten auf der Straße ließ der Wind das abgerissene Plakat hin und her flappen, und das Wort ENGSOZ erschien und verschwand stoßweise. Engsoz. Die heiligen Grundsätze von Engsoz. Neusprech, Doppeldenk, Veränderbarkeit der Vergangenheit. Er fühlte sich, als ginge er durch Wälder am Meeresgrund, verloren in einer monströsen Welt, in der er selbst das Monster war. Die Vergangenheit war tot, die Zukunft ist unvorstellbar. Welche Gewissheit hat er denn, dass auch nur ein einzigerjetzt lebender Mensch auf seiner Seite war? Und wie konnte er wissen, ob die Herrschaft der Partei nicht ewig dauern würde? Wie eine Antwort kamen ihm die drei Slogans auf der weißen Fassade des Ministeriums der Wahrheit in den Sinn:

1
2
3
KRIEG IST FRIEDE
FREIHEIT IST KNECHTSCHAFT
UNWISSEN IST STÄRKE

Aus dem Abgrund des Grauens, in dem wir heute halb blind herumtasten mit verstörter und zerbrochener Seele, blicke ich immer wieder auf zu jenen alten Sternbildern, die über meiner Kindheit glänzten, und tröste mich mit dem ererbten Vertrauen, daß dieser Rückfall dereinst nur als ein Intervall erscheinen wird in dem ewigen Rhythmus des Voran und Voran.


Aber nur die sogenannte ›akademische‹ Bildung, die zur Universität führte, verlieh in jenen Zeiten des ›aufgeklärten‹ Liberalismus vollen Wert; darum gehörte es zum Ehrgeiz jeder ›guten‹ Familie, daß wenigstens einer ihrer Söhne vor dem Namen irgendeinen Doktortitel trug.


Und der einzige wirklich beschwingte Glücksmoment, den ich der Schule zu danken habe, wurde der Tag, da ich ihre Tür für immer hinter mir zuschlug.


Noch als Gymnasiast wurde uns, wenn wir eine schlechte Note in irgendeinem nebansächlichen Gegenstand nach Hause brachten, gedroht, man werde uns aus der Schule nehmen und ein Handwerk lernen lassen - die schlimmste Drohung, die es in der bürgerlichen Welt gab: Rückfall ins Proletariat -, und wenn junge Menschen im ehrlichsten Bildungsverlangen bei Erwachsenen Aufklärung über ernste zeitliche Probleme suchten, wurden sie abgekanzelt mit dem hochmütigen »Das verstehst du noch nicht«.


Überall waren wir die Stoßtruppe und der Vortrupp jeder Art neuer Kunst, nur weil sie neu war, nur weil sie die Welt verändern wollte für uns, die jetzt an die Reihe kamen, ihr Leben zu leben. Weil wir fühlten, ›nostra res agitur‹.


Was man an seinen Muskeln versäumt hat, holt sich später noch nach; der Aufschwung zum Geistigen, die innere Griffkraft der Seele dagegen, übt sich einzig in jenen entscheidenden Jahren der Formung, und nur wer früh seine Seele weit auszuspannen gelernt, vermag später die ganze Welt in sich zu fassen.